Das Album I Know A Garden des kanadisch-indischen Sängers Edwin Raphael ist eine Rückkehr – nicht an einen bestimmten Ort, sondern zu dem Gefühl von Geborgenheit. Sein fünftes Album erschien am 20. März via Favourite Library und ist ein Erinnerungspalast, ein üppiger, überwucherter Zufluchtsort, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dieselbe Luft atmen. Es ist der Soundtrack zu dem inneren Garten, der jahrelang verborgen blieb.
Auf seinem neuesten Album I Know A Garden pflegt Edwin Raphael ein dichtes und wildes Geflecht aus Träumen und Erinnerungen. Üppiger Chamber-Pop erblüht strahlend und fließend – mit derselben Sorgfalt und Aufmerksamkeit, mit der die Nachbildungen des Gartens Eden gestaltet wurden. Die frühen EPs des in Montreal lebenden Künstlers sowie sein weltenerschaffendes Album Warm Terracotta (2023) zeigten ihn dabei, wie er die Küsten einer Insel erkundete, die ihm im Traum erschienen war. In den umliegenden Gewässern von I Know A Garden beginnt Raphael nun eine Bewegung nach innen, hin zu einem grünen Ort im Zentrum der Insel, der sowohl die Wurzeln seines Lebens als auch die daraus wachsenden Knospen der Möglichkeiten birgt.
„I Know a Garden is a palace built from childhood memories, made of tiny myths my parents would tell me and this spirituality that I grew up with but hadn’t thought about for years.”sagt Raphael.
Jeder Song des Albums ist ein Tor in Raphaels Garten – eine andere Lichtung, eine andere Flussbiegung. Zusammen bilden sie eine Pilgerreise. Sie ist persönlich, aber hoffentlich vertraut, denn die intimsten Wahrheiten hallen oft am lautesten in anderen wider. Die Single „First Time On Earth“ (VÖ: 20.01.2026) stellt den atemlosen ersten Schritt auf die Insel dar. Es ist der Moment der Ankunft in einem Leben, das man sich nicht ausgesucht hat, das man nun aber voll und ganz leben muss. Mit einer verspielten Instrumentalisierung, aber trotzdem bestimmten Stimme liefert Edwin Raphael den Soundtrack dafür, wenn sich der Boden mal ungewohnt anfühlt und sich alles wie im Traum abzuspielen scheint: „Everything’s uncertain, but it’s beautifully designed“. Gemeinsam mit den Hörer:innen wagt der Singer-Songwriter nicht nur den ersten Schritt ins Unbekannte, sondern fragt sich auch: Du bist hier – lebendig, alles wahrnehmend – aber fühlt das noch jemand anderes?
„Hymn for a Dragonfly“ (20.03.2026) erzählt von einer weiteren Facette des verwunschen Inselgartens. Der Sänger kehrte im Sommer mit seiner Familie regelmäßig nach Indien zurück, um Zeit in dem Haus zu verbringen, in dem seine Mutter aufgewachsen war – tief im Wald. Er hätte schwören können, dass seine Mutter in einem dieser Sommer eine Libelle sanft fing, ein kleines Stück Faden an ihren Schwanz band und das Insekt dazu brachte, winzige Kieselsteine aus den Handflächen von Raphael und seiner Schwester aufzuheben. Er behielt es meist für sich, weil er dachte, es sei vielleicht nur ein Traum – bis seine Schwester ein altes Videoband dieses Moments fand. Die Single fasst die wundersame Zeit zusammen, die Raphael im Wald verbrachte. Diese prägte seine Vorstellungskraft sehr.
Doch Staunen liegt auch in Bittersüße und Schwierigkeit – etwa im aquatischen „Shame You Swim So Well“ (VÖ: 20.01.2026), über das Unvermögen, zu verstehen, wie ein anderer Körper sich durch eine Tätigkeit bewegt; oder im nachdenklichen „Moonstruck“ (VÖ: 20.03.2026), in dem Raphael über die sozialen Barrieren singt, die mit dem Dasein als Person of Colour verbunden sind. Eine Identität, die nicht gewählt, sondern geschenkt wurde.
I Know A Garden endet mit den warmen, gezupften Linien von „Sunbeam“ (VÖ: 03.03.2026), einer Meditation über den Verlauf eines einzelnen Tages. Ein passendes, bedachtes Finale für ein Album, das sich zutiefst mit dem Kümmern beschäftigt – um die Erde und umeinander. „We get this little sunbeam, this little bit of the day when everything is alive and lush, and then we go to sleep until we get to do it all over again,” sagt Raphael. „It kind of ends with a lullaby—you had this wonderful day full of awe and wonder, and now you get to rest and forage again tomorrow and see what else you’ll learn.“
Edwin Raphael gestaltete I Know A Garden mit größter Sorgfalt, auch in der Hoffnung, dass die Erfahrung Hörer:innen dazu inspirieren könnte, einen Moment reiner Gegenwärtigkeit mit ihrer Umgebung zu suchen oder zu finden. Inspiriert von den geheimen Welten, die wir erschaffen, um zu überleben – besonders in der Kindheit – bewegt sich das Album durch eine üppige Gefühlslandschaft, in der persönliche Geschichte mythisch wird. I Know A Garden schreit nicht. Es hört zu. Es erinnert sich an das, was die Welt vergisst.
Das Album I Know A Garden von Edwin Raphael erschien am 20.03.2026 via Favourite Library.
Foto: Vijay Sarathy