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„JOKA“ ein Konzeptalbum von Gidon Carmel & Kyle Morton

    Am 12. Juni 2026 erscheint das zutiefst persönliche Konzeptalbum JOKA von Gidon Carmel & Kyle Morton über popup-records. Das Album erzählt die Lebensgeschichte von Carmels Großmutter Joka – von ihrer Deportation nach Auschwitz über die Jahre nach dem Holocaust bis zu ihrem Tod in Israel 1978. Es entstand über einen Zeitraum von drei Jahren und ist eine Zusammenarbeit zwischen dem US-amerikanischen Sänger, Songwriter und Produzenten Kyle Morton (Typhoon) und dem in Israel geborenen und seit vielen Jahren in Berlin beheimateten Schlagzeuger, Songwriter und Produzenten Gidon Carmel (Lucy Kruger & The Lost Boys, Amistat, Flora Falls, Lucas Laufen).

    Ausgangspunkt des Albums war eine Kiste mit Briefen, die Gidon Carmel 2018 im Keller seiner Eltern entdeckte. Geschrieben hatte sie seine Großmutter Joka, die er selbst nie kennengelernt hatte. Sie starb, bevor er geboren wurde. Beim Lesen begann für ihn ein Prozess des “Erinnerns“ an eine Person, die ihm bis dahin nur als Fotografie und Familiengeschichte bekannt war.

    Über drei Jahre hinweg sammelte Carmel Dokumente, Fotos und Zeugnisse, interviewte Angehörige und stieß schließlich auf die Erinnerungen seiner Urgroßmutter Gitta. Deren Bericht über die Zeit vor der Deportation – einschließlich der verzweifelten Frage an ihre beiden Kinder, ob sie dem Leid durch Morphium entgehen wollten – wurde zu einem emotionalen Kern des Albums. Beide Kinder entschieden sich zu leben. “That moment struck me deeply. In a way, it was the moment my own existence was decided. It became one of the central themes of the album: the idea of choosing life. And from that choice, JOKA began“, erzählt Gidon Carmel.

    Das Album entfaltet sich in elf Songs, erzählt aus der Perspektive unterschiedlicher Menschen, die Joka in verschiedenen Lebensphasen begegneten: ihrer Mutter, ihrem Bruder, ihrem Mann, ihrem Sohn – aber auch Figuren am Rand ihrer Geschichte, etwa ein Fremder im Zug oder ein Lageraufseher.

    Carmel und Morton arbeiteten mit Primärquellen ebenso wie mit literarischen und historischen Werken von Primo Levi, Paul Celan, Wassili Grossman oder Timothy Snyder. Dabei bleibt stets ein Bewusstsein für die Grenzen des Verstehens: Jede Annäherung an einen anderen Menschen bleibt fragmentarisch. Ziel ist nicht Vollständigkeit, sondern ein Moment von Wahrheit – eine Erinnerung an ein gelebtes Leben.

    JOKA ist kein historisches Lehrstück, sondern ein zutiefst persönliches Erinnerungsprojekt und zugleich ein künstlerisches Statement gegen Krieg, Entmenschlichung und die politische Instrumentalisierung von Gedenken.

    Gidon Carmel und Kyle Morton verbindet eine seltene künstlerische Chemie, die geografische und stilistische Grenzen überbrückt. Der in Israel geborene und seit vielen Jahren in Berlin lebende Gidon Carmel ist Musiker, Schlagzeuger und Produzent, der sich ständig auf der Suche nach neuen Klängen und Ideen befindet. Seine Arbeit spiegelt eine tiefe Sensibilität für Dynamik, Textur und Raum wider. In seinem Studio in Berlin entwickelt und nimmt er Musik auf, die von experimentellem Schaffen und Kollaborationen geprägt ist.

    Kyle Morton ist Gründer, Sänger und Hauptsongwriter der US-amerikanischen Indie-Rock-Band Typhoon. Seine Musik ist geprägt von orchestralen Arrangements, poetischer Erzählkunst und einer besonderen Fähigkeit, persönliche Geschichten in universelle Songs zu verwandeln. Typhoon gelten als eine der markantesten Stimmen des amerikanischen Indie-Orchestersounds.

    Was als Produktionszusammenarbeit begann, entwickelte sich zu einer engen kreativen Partnerschaft. “In 2022, I reached out to Kyle Morton from the band Typhoon, whose record Offerings – itself a meditation on memory – was part of the inspiration for this project”, erinnert sich Gidon Carmel. Zwischen Berlin und Portland entstanden Songs, die dokumentarische Tiefe mit literarischer Sensibilität verbinden. Morton, ursprünglich als Produzent beteiligt, wurde zum Co-Autor und, wie Carmel sagt, zu jemandem mit eigenen “Erinnerungen“ an Joka. Gemeinsam stehen Carmel und Morton für eine Form von Songwriting, die Brücken schlägt zwischen Kontinenten, Generationen und zwischen Geschichte und Gegenwart.

    JOKA – Track by Track

    JOKA wird eröffnet mit der Doppelsingle “Prelude“ und “Stranger on a Train – 1944“ (VÖ: 27.01.2026). “Prelude“ ist der leise, existenzielle Auftakt des Albums. Hier formuliert Carmel die grundlegende Frage an seine Großmutter: Wie kann ich zu dir sprechen, wenn du nicht da bist? Die Antwort “Don’t worry, we’ll get back to it“ kehrt im Verlauf des Albums in immer neuen Bedeutungen und Auslegungen zurück. Im Kontext dieses Stücks ist sie ein Versprechen: Ich werde zu dir zurückkommen. Ich werde dich finden.

    “Stranger on a Train – 1944“ verortet die Geschichte in Raum und Zeit – in Gyula, Jokas Heimatstadt. Vielstimmige Gesänge erzeugen ein Gefühl von Aufbruch und Exodus. Der wiederholte Satz “Don’t worry, we’ll get back to it“ klingt hier wie ein Trost, den Eltern ihren Kindern auf dem Weg in die Deportation zugeflüstert haben könnten – ein letzter Versuch, Hoffnung und Menschlichkeit festzuhalten. Doch wenn ein Soldat dieselben Worte durch den Türspalt des Zugwaggons spricht, kippt ihre Bedeutung ins Zynische. ”Though we all know that most people didn’t make it out of Auschwitz, I believed (as a father myself) that this was what many parents told their children on the way to the death camps”, erzählt Carmel. Das Stück markiert den Übergang von persönlicher Geschichte zu historischem Abgrund.

    “Robi the Brother – 1944“ erzählt die Geschichte von Jokas Bruder Robi, der in Auschwitz starb. Das Lied ist in zwei Teile gegliedert. Der erste Teil ist eine Art Wechselgesang zwischen einem jüdischen Männerchor, fast wie ein Gebet an Morpheus, den Gott der Träume. Dann antwortet Morpheus — er lädt Robi ein loszulassen, aufzugeben, zu sterben. Es herrscht eine chaotische Atmosphäre, in die sowohl ungarische als auch jüdische musikalische Bezüge verwebt sind. Die zweite Hälfte des Liedes ist wie eine Kamera, die auf Robis Tod zoomt — vorgestellt während eines Todesmarsches. Es entwickelt sich zu einem inneren Dialog zwischen Robi, seiner Mutter Gitta und seiner Schwester Joka.

    Der Track “Osha the Camp Guard – 1944“ hingegen widmetsich demdeutschen Arzt, der Gitta und Joka im Grunde rettete. Trotz seiner Grausamkeit hatte Gitta wohl das Gefühl gehabt, er sei so etwas wie ein guter Mensch. Dieser seltsame Charakter brachte Carmel zum Nachdenken: Alle, die am Holocaust beteiligt waren — auf allen Seiten — waren zunächst Menschen gewesen.

    In “Gitta the Mother – 1945“ wendet sich Gitta an ihre Tochter Joka. Der Refrain bezieht sich auf ein tatsächliches Ereignis aus ihren Memoiren, als Gitta Joka einen Tag lang verlor. Am Abend kam Joka zurück.  Für Carmel selbst war der Song eine besondere Herausforderung “It was extremely difficult for me to work on this song, especially as a young father at the time, trying to imagine what Gitta must have felt.“ Gesungen wird der Song von Lena Minder, Carmels Partnerin.

    Mit “Crematorium“ endet die erste Hälfte des Albums, welche sich um Auschwitz dreht. In fast jeder Erinnerung und Geschichte der Lager ist das Krematorium eine Art drohender Schatten — eine böse Präsenz im Hintergrund. Der Track spricht für sich; er ist dunkel, abstrakt und schwer.

    “Bundy the Husband – 1956“ ist ein Song über eine Person, die Carmel gut kannte, seinen Großvater. Bundy verlor seine gesamte Familie im Holocaust — nur er und eine entfernte Tante überlebten. Er pflegte zu sagen, seine Rache an den Nazis sei, eine große Familie wieder aufzubauen. Das Lied enthält Teile aus Bundys Holocaust-Memoiren sowie andere Geschichten wie der Flucht 1956 aus Budapest, dem Selbstmordversuch des jungen Bundy im Jahr 1945 und der Bitte an seine Familie, ihn im Hintergrund des Corona-Lockdowns im Jahr 2021 gehen zu lassen.

    Auch wenn Aggi eine reale Person war, basiert “Aggi the Friend – 1970“ nicht speziell auf ihr. Aggi steht für einen Typ Mensch, jemanden, der versucht, einen Holocaust-Überlebenden aufzumuntern. Viele Menschen in Israel, so wie Carmels Vater und Tante, erlebten das, was heute “Second Generation Trauma“

    genannt wird. Beide wurden nach den toten Geschwistern ihrer Eltern benannt und ständig mit ihnen verglichen. In diesem Lied rät Aggi davon ab. Sie sagt: Lebt für diese Kinder, werdet kein Denkmal für sie. Wie auch das Stück “Gitta the Mother – 1945“ wird “Aggi the Friend – 1970“ aus weiblicher Perspektive von einer Gastsängerin gesungen – dieses Mal von Jordan Bagnall.

    Der Song “Robi the Son – 1978“ trifft Carmel selbst am meisten. Es ist der Song seines eigenen Vaters, Jokas Sohn. Carmel erzählt: “We based the song on an imaginary phone call between him and Joka, while he’s at his army base. Most of the lyrics come from Joka’s letters to him, which I’ve had here in Berlin and read many times over the years. This song hits me the hardest. I can’t hold back tears when I hear it.“

    Der vorletzte Track trägt Carmels Namen und es schließt sich der Kreis der Geschichte in der Gegenwart. “Gidon the Grandson – 2022 ist entstanden für seinen Sohn Noam, für Joka und zuallerletzt für sich selbst.

    Das Konzeptalbum endet mit dem Titeltrack “Joka“. Kyle Mortons Partnerin Danielle Sullivan leiht Joka darin ihre Stimme. In diesem abschließenden Stück spiegeln sich die Grundideen des Erinnerungsprojektes wider. Gidon Carmel fasst diese mit folgenden Worten zusammen: ”The Holocaust is often represented by overwhelming numbers, terrifying statistics that can feel abstract or distant. But behind each number is a name, a voice, a life. With Joka, we wanted to bring those voices forward.”

    Ein klares Statement

    “This is a record about human suffering and dignity. In releasing it, our hope is for a modest increase in the net sum of compassion in the world.”

    JOKA versteht sich ausdrücklich als Antikriegsalbum. Carmel und Morton positionieren sich gegen Rassismus, ethnonationalistische Ideologien und Völkermord. Zugleich wenden sie sich gegen die politische Instrumentalisierung der Shoah – sei es als Rechtfertigung gegenwärtiger Gewalt oder als moralische Selbstentlastung.

    ”In our first conversation back in 2022, we found ourselves troubled by the way in which the memory of the Holocaust was being instrumentalized toward political ends in our respective countries: In Israel, as a shield to act with impunity toward Palestinians; in America: to remind Americans that, whatever atrocities in their own history, they are always innocent“ – erinnern sich Carmel und Morton.

    Das Album betont die Komplexität menschlicher Rollen in Zeiten historischer Katastrophen: Es gibt weder mythischen Superhelden noch eindimensionalen Monster, sondern Menschen, die unter extremen Bedingungen handeln.

    Als Zeichen dieser Haltung wird JOKA nicht auf Spotify veröffentlicht. Ein Teil der Erlöse geht an die Hilfsorganisationen PCRF und Standing Together.

    Das Konzeptalbum JOKA von Gidon Carmel & Kyle Morton erscheint am 12. Juni 2026 via popup-records und ist physisch auf CD und Vinyl erhältlich.Die LP beinhaltet ein 16-seitiges Booklet mit den Memoiren von Jokas Mutter Gitta, die als wichtige Primärquelle für das Album dienten und in dieser Form noch nie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.

    Vinyl und CD erhältlich im Webshop

    JOKA – The journey in the words of Gidon Carmel