Mit der Doppelsingle „Prelude“ und „Stranger on a Train – 1944“ geben Gidon Carmel und Kyle Morton einen ersten Einblick in ihr außergewöhnliches Konzeptalbum JOKA, das am 12. Juni 2026 via popup-records erscheint. Das Werk erzählt die Lebensgeschichte von Carmels Großmutter Joka – von ihrer Deportation nach Auschwitz über die Jahre nach dem Holocaust bis zu ihrem Tod in Israel 1978.
JOKA ist kein historisches Lehrstück, sondern ein zutiefst persönliches Erinnerungsprojekt und zugleich ein künstlerisches Statement gegen Krieg, Entmenschlichung und die politische Instrumentalisierung von Gedenken. Das Album entstand über einen Zeitraum von drei Jahren und ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Sänger, Songwriter und Produzenten Kyle Morton (Typhoon) und dem Schlagzeuger und Produzenten Gidon Carmel.
Mit der Veröffentlichung von „Prelude“ und „Stranger on a Train – 1944“ am 27.01.2026, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, beginnt eine musikalische Spurensuche nach Erinnerung, Würde und Mitgefühl, wobei Gidon Carmel und Kyle Morton eine intime Erzählung aufrollen, die weit über eine Familiegeschichte hinausweist.
JOKA – ein Konzeptalbum
Ausgangspunkt des Albums war eine Kiste mit Briefen, die Gidon Carmel 2018 im Keller seiner Eltern entdeckte. Geschrieben hatte sie seine Großmutter Joka, die er selbst nie kennengelernt hatte. Sie starb, bevor er geboren wurde. Beim Lesen begann für ihn ein Prozess des „Erinnerns“ an eine Person, die ihm bis dahin nur als Fotografie und Familiengeschichte bekannt war.
Über drei Jahre hinweg sammelte Carmel Dokumente, Fotos und Zeugnisse, interviewte Angehörige und stieß schließlich auf die Erinnerungen seiner Urgroßmutter Gitta. Deren Bericht über die Zeit vor der Deportation – einschließlich der verzweifelten Frage an ihre beiden Kinder, ob sie dem Leid durch Morphium entgehen wollten – wurde zu einem emotionalen Kern des Albums. Beide Kinder entschieden sich zu leben. „That moment struck me deeply. In a way, it was the moment my own existence was decided. It became one of the central themes of the album: the idea of choosing life. And from that choice, JOKA began“, erzählt Gidon Carmel.
Das Album entfaltet sich in zehn Songs, erzählt aus der Perspektive unterschiedlicher Menschen, die Joka in verschiedenen Lebensphasen begegneten: ihrer Mutter, ihrem Bruder, ihrem Mann, ihrem Sohn – aber auch Figuren am Rand ihrer Geschichte, etwa ein Fremder im Zug oder ein Lageraufseher.
Carmel und Morton arbeiteten mit Primärquellen ebenso wie mit literarischen und historischen Werken von Primo Levi, Paul Celan, Wassili Grossman oder Timothy Snyder. Dabei bleibt stets ein Bewusstsein für die Grenzen des Verstehens: Jede Annäherung an einen anderen Menschen bleibt fragmentarisch. Ziel ist nicht Vollständigkeit, sondern ein Moment von Wahrheit – eine Erinnerung an ein gelebtes Leben.
„Prelude“ und „Stranger on a Train – 1944“
„Prelude“ ist der leise, existenzielle Auftakt des Albums. Hier formuliert Carmel die grundlegende Frage an seine Großmutter: Wie kann ich zu dir sprechen, wenn du nicht da bist? Die Antwort „Don’t worry, we’ll get back to it“ kehrt im Verlauf des Albums in immer neuen Bedeutungen und Auslegungen zurück. Im Kontext dieses Stücks ist sie ein Versprechen: Ich werde zu dir zurückkommen. Ich werde dich finden.
„Stranger on a Train – 1944“ verortet die Geschichte in Raum und Zeit – in Gyula, Jokas Heimatstadt. Vielstimmige Gesänge erzeugen ein Gefühl von Aufbruch und Exodus. Der wiederholte Satz „Don’t worry, we’ll get back to it“ klingt hier wie ein Trost, den Eltern ihren Kindern auf dem Weg in die Deportation zugeflüstert haben könnten – ein letzter Versuch, Hoffnung und Menschlichkeit festzuhalten. Doch wenn ein Soldat dieselben Worte durch den Türspalt des Zugwaggons spricht, kippt ihre Bedeutung ins Zynische. „Though we all know that most people didn’t make it out of Auschwitz, I believed (as a father myself) that this was what many parents told their children on the way to the death camps“, erzählt Carmel. Das Stück markiert den Übergang von persönlicher Geschichte zu historischem Abgrund.
Ein klares Statement
„This is a record about human suffering and dignity. In releasing it, our hope is for a modest increase in the net sum of compassion in the world.”
JOKA versteht sich ausdrücklich als Antikriegsalbum. Carmel und Morton positionieren sich gegen Rassismus, ethnonationalistische Ideologien und Völkermord. Zugleich wenden sie sich gegen die politische Instrumentalisierung der Shoah – sei es als Rechtfertigung gegenwärtiger Gewalt oder als moralische Selbstentlastung.
„In our first conversation back in 2022, we found ourselves troubled by the way in which the memory of the Holocaust was being instrumentalized toward political ends in our respective countries: In Israel, as a shield to act with impunity toward Palestinians; in America: to remind Americans that, whatever atrocities in their own history, they are always innocent“, erinnern sich Carmel und Morton. Das Album betont die Komplexität menschlicher Rollen in Zeiten historischer Katastrophen: Es gibt weder mythischen Superhelden noch eindimensionalen Monster, sondern Menschen, die unter extremen Bedingungen handeln.
Als Zeichen dieser Haltung wird JOKA nicht auf Spotify veröffentlicht. Ein Teil der Erlöse geht an die Hilfsorganisationen PCRF und Standing Together.
„Prelude“ und „Stranger on a Train – 1944“ von Gidon Carmel und Kyle Morton erschienen am 27. Januar 2026 via popup-records.
Foto Credits: Gidon Carmel