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Gidon Carmel & Kyle Morton veröffentlichen tief persönliche Single “Robi the Son – 1978“ aus Konzeptalbum JOKA

    Mit Robi the Son – 1978veröffentlichen Gidon Carmel und Kyle Morton einen der zugänglichsten und gleichzeitig auch persönlichsten Songs aus ihrem kommenden Konzeptalbum JOKA, das am 12. Juni 2026 via popup-records erscheinen wird. Das Album erzählt die Lebensgeschichte von Carmels Großmutter Joka – von ihrer Deportation nach Auschwitz über die Jahre nach dem Holocaust bis zu ihrem Tod in Israel 1978. Es entstand über einen Zeitraum von drei Jahren und ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Sänger, Songwriter und Produzenten Kyle Morton (Typhoon) und dem Schlagzeuger, Songwriter und Produzenten Gidon Carmel (Lucy Kruger & The Lost Boys, Amistat, Flora Falls, Lucas Laufen).

    Jedes Stück des Albums eröffnet eine andere Perspektive auf Jokas Leben, “Robi the Son – 1978“ richtet den Blick auf ihren Sohn – Carmels Vater – und auf den Moment ihres Todes. Der Song bildet einen emotionalen Höhepunkt des Albums und erzählt von einer Beziehung, die stark von Nähe, aber auch von Sprachlosigkeit geprägt ist. Die Single verweist zugleich deutlich auf die musikalischen Wurzeln der beiden Künstler: orchestralen, filigranen Indie-Rock und eine Klangästhetik, die insbesondere Mortons Arbeit mit der Band Typhoon geprägt hat. In vielschichtigen Arrangements und dynamischen Songstrukturen verbindet “Robi the Son – 1978“ diese Einflüsse mit der erzählerischen Intimität, die das gesamte Album bestimmt. Für Gidon Carmel gehört “Robi the Son – 1978“ zu den persönlichsten und zugleich schwierigsten Songs des gesamten Projekts. ”This song hits me the hardest. I can’t hold back tears when I hear it”, erzählt Carmel. Über lange Zeit suchten er und Morton nach der richtigen Form, um diese Geschichte musikalisch zu erzählen.

    Im Zentrum steht Carmels Vater, der als eher zurückhaltender Mensch gilt, dem es schwer fällt über Gefühle zu sprechen. Carmel verbindet dies auch mit den langfristigen Folgen der sogenannten „Second Generation“-Erfahrung, also den Traumata, die Kinder von Holocaust-Überlebenden oft indirekt mittragen.

    Der Song basiert auf einer imaginären Telefonszene: Carmels Vater befindet sich auf seiner Armeebasis, als er erfährt, dass seine Mutter im Sterben liegt. Er habe damals zunächst mit Wut reagiert, erzählte er später seinem Sohn Gidon. Für ihn sei Joka schon lange nicht mehr wirklich „da“ gewesen. He said she hadn’t really been “there” for a long time – confused, weak, fading – and as far as he was concerned, he had already said goodbye”, erinnert sich Gidon Carmel.

    Aus dieser emotionalen Distanz heraus entstand die Idee zu einem fiktiven Gespräch zwischen Mutter und Sohn. Viele Zeilen des Songs gehen direkt auf Briefe zurück, die Joka ihrem Sohn geschrieben hatte – Dokumente, die Carmel über Jahre hinweg in Berlin aufbewahrte und immer wieder gelesen hat.

    Gidon Carmel und Kyle Morton

    Gidon Carmel und Kyle Morton verbindet eine seltene künstlerische Chemie, die geografische und stilistische Grenzen überbrückt. Der in Israel geborene und seit vielen Jahren in Berlin lebende Gidon Carmel ist Musiker, Schlagzeuger und Produzent, der sich ständig auf der Suche nach neuen Klängen und Ideen befindet. Seine Arbeit spiegelt eine tiefe Sensibilität für Dynamik, Textur und Raum wider. In seinem Studio in Berlin entwickelt und nimmt er Musik auf, die von experimentellem Schaffen und Kollaborationen geprägt ist.

    Kyle Morton ist Gründer, Sänger und Hauptsongwriter der US-amerikanischen Indie-Rock-Band Typhoon. Seine Musik ist geprägt von orchestralen Arrangements, poetischer Erzählkunst und einer besonderen Fähigkeit, persönliche Geschichten in universelle Songs zu verwandeln. Typhoon gelten als eine der markantesten Stimmen des amerikanischen Indie-Orchestersounds.

    Was als Produktionszusammenarbeit begann, entwickelte sich zu einer engen kreativen Partnerschaft. “In 2022, I reached out to Kyle Morton from the band Typhoon, whose record Offerings – itself a meditation on memory – was part of the inspiration for this project”, erinnert sich Gidon Carmel. Zwischen Berlin und Portland entstanden Songs, die dokumentarische Tiefe mit literarischer Sensibilität verbinden. Morton, ursprünglich als Produzent beteiligt, wurde zum Co-Autor und, wie Carmel sagt, zu jemandem mit eigenen „Erinnerungen“ an Joka. Gemeinsam stehen Carmel und Morton für eine Form von Songwriting, die Brücken schlägt zwischen Kontinenten, Generationen und zwischen Geschichte und Gegenwart.

    JOKA – ein Konzeptalbum

    Ausgangspunkt des Albums war eine Kiste mit Briefen, die Gidon Carmel 2018 im Keller seiner Eltern entdeckte. Geschrieben hatte sie seine Großmutter Joka, die er selbst nie kennengelernt hatte. Sie starb, bevor er geboren wurde. Beim Lesen begann für ihn ein Prozess des „Erinnerns“ an eine Person, die ihm bis dahin nur als Fotografie und Familiengeschichte bekannt war. Über drei Jahre hinweg sammelte Carmel Dokumente, Fotos und Zeugnisse, interviewte Angehörige und stieß schließlich auf die Erinnerungen seiner Urgroßmutter Gitta. Deren Bericht über die Zeit vor der Deportation – einschließlich der verzweifelten Frage an ihre beiden Kinder,ob sie dem Leid durch Morphium entgehen wollten – wurde zu einem emotionalen Kern des Albums. Beide Kinder entschieden sich zu leben. “That moment struck me deeply. In a way, it was the moment my own existence was decided. It became one of the central themes of the album: the idea of choosing life. And from that choice, JOKA began“, erzählt Gidon Carmel.

    Das Album entfaltet sich in zehn Songs, erzählt aus der Perspektive unterschiedlicher Menschen, die Joka in verschiedenen Lebensphasen begegneten: ihrer Mutter, ihrem Bruder, ihrem Mann, ihrem Sohn – aber auch Figuren am Rand ihrer Geschichte, etwa ein Fremder im Zug oder ein Lageraufseher.

    Carmel und Morton arbeiteten mit Primärquellen ebenso wie mit literarischen und historischen Werken von Primo Levi, Paul Celan, Wassili Grossman oder Timothy Snyder. Dabei bleibt stets ein Bewusstsein für die Grenzen des Verstehens: Jede Annäherung an einen anderen Menschen bleibt fragmentarisch. Ziel ist nicht Vollständigkeit, sondern ein Moment von Wahrheit – eine Erinnerung an ein gelebtes Leben.

    Ein klares Statement

    “This is a record about human suffering and dignity. In releasing it, our hope is for a modest increase in the net sum of compassion in the world.”

    JOKA versteht sich ausdrücklich als Antikriegsalbum. Carmel und Morton positionieren sich gegen Rassismus, ethnonationalistische Ideologien und Völkermord. Zugleich wenden sie sich gegen die politische Instrumentalisierung der Shoah – sei es als Rechtfertigung gegenwärtiger Gewalt oder als moralische Selbstentlastung.

    ”In our first conversation back in 2022, we found ourselves troubled by the way in which the memory of the Holocaust was being instrumentalized toward political ends in our respective countries: In Israel, as a shield to act with impunity toward Palestinians; in America: to remind Americans that, whatever atrocities in their own history, they are always innocent“, erinnern sich Carmel und Morton. Das Album betont die Komplexität menschlicher Rollen in Zeiten historischer Katastrophen: Es gibt weder mythischen Superhelden noch eindimensionalen Monster, sondern Menschen, die unter extremen Bedingungen handeln.

    Als Zeichen dieser Haltung wird JOKA nicht auf Spotify veröffentlicht. Ein Teil der Erlöse geht an die Hilfsorganisationen PCRF und Standing Together.